KÜHLSCHMIERSTOFFE DER ZUKUNFT ERÖFFNEN

NEUE PERSPEKTIVEN



Interview mit Herrn Michael Rocker, Dipl.-Chemiker, Berufsgenossenschaft Metall Nord Süd (BGM), Mainz, im MOTOREX magazine.


Berufsgenossenschaft Metall Nord Süd
Bereich Prävention
Abteilung Gesundheitsschutz
Wilhelm-Theodor-Römheld-Strasse 15
D-55130 Mainz
www.bg-metall.de
 

MOTOREX magazine: Welche Auslöser von Hauterkrankungen mit bestätigtem Verdacht treten beim Einsatz von Kühlschmierstoffen (KSS) auf?
Michael Rocker: Hauterkrankungen durch Kühlschmierstoffe – sogenannte Kontaktekzeme – sind in der Regel multifaktoriell. Je nach Art der schädigenden Faktoren sprechen wir von allergischen, toxisch irritativen oder degenerativen Veränderungen der Haut, und häufig liegen Mischformen vor. Zwischen Erstkontakt zum Kühlschmierstoff bis zur Hauterkrankung können eine Woche bis 30 Jahre liegen. Allergische Kontaktekzeme sind dadurch gekennzeichnet, dass die Hautreaktion gegenüber dem Allergen ein Leben lang bleibt und deshalb sehr häufig der Arbeitsplatz aufgegeben werden muss, wenn das Allergen nicht vermieden werden kann. Häufige Allergene in Kühlschmierstoffen werden aus dem Werkstoff eingetragen: Ionen von Nickel, Cobalt oder Chrom. Hier ist Substitution in der Regel nicht möglich. Ausserdem relevant sind biozide Wirkstoffe: diverse Formaldehyddepots, diverse Isothiazolinone. Hier kann in der Regel reagiert und das auslösende Allergen ersetzt werden. Toxisch irritative Kontaktekzeme entstehen durch Hautkontakt zu Produkten mit hoher Wirkstärke, z.B. Maschinenreiniger, Systemreiniger, Konzentrate von Kühlschmierstoff oder Biozid. Diese Art von Erkrankungen kann durch das Tragen geeigneter Handschuhe (diese müssen im Sicherheitsdatenblatt benannt werden!) vermieden werden. Degenerative Kontaktekzeme entstehen durch langjährigen Kontakt zu KSS-Emulsionen oder -lösungen oder Schneidoelen. Sie entstehen durch langsame, aber stetige Austrocknung und Entfettung der Haut und Störung des Gleichgewichtes auf der Hautoberfläche. Diese Zerstörung kann durch optimierte Hautschutzmassnahmen (Hautschutzmittel und Hautpflegemittel) vermieden werden. Es ist aber auch zu beachten, dass KSS-Sollwerte wie Einsatzkonzentration und pH-Wert den Empfehlungen der Hersteller entsprechen.


Wie viel Schaden wird der Industrie in Europa durch Ausfälle, die auf Hauterkrankungen zurückzuführen sind, pro Jahr zugefügt?
Es kursieren unterschiedlichste Zahlen, einen groben Überblick habe ich nur für Deutschland aus der Sicht der Unfallversicherungsträger. Valide Zahlen sind deshalb so schwierig zu erheben, da eine Mischung aus direkten Kosten (z.B. für Heilbehandlung oder Umschulung) und indirekten Kosten (Krankheitstage, Produktionsausfall) vorliegt und natürlich nicht alle Fälle gemeldet und erfasst werden. Eine Erhebung in den Jahren 2002 – 2004 hat Beträge für direkte Kosten zwischen 600 Mio. und 2 Mrd. Euro pro Jahr ergeben und geschätzte indirekte Kosten in 5-facher (!) Höhe. Ergibt also als Richtgrösse für Deutschland geschätzte 3 bis 10 Mrd. Euro pro Jahr als  Kosten. Wenn ich nun diese Schätzung auf Europa übertrage, ergibt sich ein Betrag im deutlichen zweistelligen Milliardenbereich. Grund genug, hautschädigende Stoffe überall dort zu substituieren, wo es technisch möglich ist.


Wie schätzen Sie die Entwicklung von biozidhaltigen Kühlschmierstoffen in Zukunft ein?
Die Entwicklung ist komplex. Standard sind derzeit KSS-Konzentrate, die entsprechend vorkonserviert sind oder bei denen Biozide nachgesetzt werden. Mögliche Gefahren wurden bereits beschrieben. Ausserdem sind natürlich biozidfreie KSS oder physikalische Entkeimungssysteme bekannt. Minimalmengenschmierung oder Trockenbearbeitung sind weitere biozidfreie Möglichkeiten der Bearbeitung. Meine Einschätzung: biozidhaltige KSS werden auf absehbare Zeit für die Anwender im Vordergrund stehen, um mikrobiologischen Abbau zu unterbinden. Innovation ist immer dann gefragt, wenn negative Wirkungen wie Haut- oder Atemwegserkrankungen überhand nehmen.


Was bringt das künftige Regelwerk für die Industriebetriebe und die Bediener?
Wenn ich die erwarteten positiven Auswirkungen von REACH und GHS voraussehen könnte, wäre mir wohler. Im Grundsatz wird die Verpflichtung von Herstellern zur Untersuchung der schädigenden Eigenschaften ihrer Chemikalien für Mensch und Umwelt zunehmen. Dies betrifft im ersten Schritt Rohstoffe, dann Fertigprodukte für Industrie, Handwerk und Privatanwender. Auch die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Herstellern ist geregelt. Im nächsten Schritt muss betrachtet werden, welche anwendungsspezifischen Bedingungen wie z.B. intensiver Hautkontakt, Aerosolbildung bei offener Anwendung oder Risiken beim Transport zu welchen  Anforderungen bezüglich Schutzmass-nahmen führen. In Einzelfällen kann diese Prüfung dazu führen, dass Anwendungen eingeschränkt oder gar verboten werden, z.B. für krebserzeugende oder umweltgefährliche Stoffe. Dieser Prozess ist langwierig – REACH wird nicht vor 2018 vollständig umzusetzen sein. Dann aber soll es keine Anwendungen mehr geben, bei denen das Ausmass der Gefährdung für die Beschäftigten unbekannt ist, und somit können Schutzmassnahmen optimiert werden. Ich gehe davon aus, dass der Arbeitsschutzstandard höher wird und unliebsame Überraschungen ausbleiben, weil sich langjährig angewendete, aber unzureichend untersuchte Inhaltsstoffe «plötzlich» als besonders gefährlich erweisen. GHS hat zum Ziel, globale Standards zu setzen, d.h. auch bisher von REACH nicht primär betroffene Hersteller sind zur Einstufung und Kennzeichnung ihrer Produkte verpflichtet.

Wie sehen Sie die Zukunftschancen für ein Produkt wie MOTOREX TRESOR PMC® 100, welches frei von problematischen Stoffen ist und das Keimwachstum auf andere Weise begrenzt?

Wenn ich davon ausgehe, dass die technische Performance und die Standzeiten in Referenzbetrieben belegt sind: überdurchschnittlich, und wahrscheinlich zunehmend. Auf mögliche Risiken durch Biozide habe ich bereits genügend hingewiesen, der Kostenfaktor für entsprechend nachzusetzende Produkte steht zunehmend im Fokus. Die derzeit geführten Diskussionen über Borsäure bewegen sich zwar auf wenig fundiertem Boden, beeinflussen aber dennoch (auch unbewusst) Einkäufer.


Wie sieht der aktuelle Stand betreffend borsäurehaltiger Kühlschmierstoffe aus mit Blick auf die Biozidrichtlinie 2014?
Ein Blick in die Zukunft ist immer mit Nebel behaftet. Derzeit ist Borsäure nicht als biozider Wirkstoff nach Biozidrichtlinie gelistet – so lange das so bleibt (weil die Korrosionsschutzwirkung im Vordergrund steht), gelten die bekannten Forderungen von REACH. Derzeit wird innerhalb der EU darüber beraten, ob Borsäure das Autorisierungsverfahren durchlaufen muss, was erneut mit zusätzlichen Kosten verbunden ist. Das Risiko besteht zudem, dass einige Anwendungen das Autorisierungsverfahren nicht passieren werden, im Klartext: verboten werden. Deshalb ist die Zukunft für Borsäure unsicher, auch wenn bislang kein einziger Fall einer Erkrankung dokumentiert ist und aktuelle Studien darauf hinweisen, dass es selbst bei hochexponierten Arbeitern in der borsäureherstellenden Industrie keine Erkrankungen gibt.


Warum sind auf den Sicherheitsdatenblättern alle relevanten Inhaltsstoffe von KSS akribisch aufgeführt und gekennzeichnet und beim Praxiseinsatz wird mit Bioziden teilweise unbedarft umgegangen?
Beispielsweise in der TRGS 611 wird das Messen von pH-Wert, Konzentration, Nitrit und Temperatur vorgegeben und wöchentlich festgehalten. Der Biozidgehalt, nach Zugaben, ist jedoch eine Messgrösse mit hohem Risikogehalt und wenig bis keiner Dokmentation, wie stehen Sie dazu?
Das Problem liegt hauptsächlich darin, dass die Forderungen aus den Rechtsbereichen «Inverkehrbringen» und «Tätigkeiten», d.h. Anwendung, sehr unterschiedlich sind. Zum Inverkehrbringen werden die Eigenschaften des gehandelten Produktes betrachtet, dieses ist in der Regel gekennzeichnet und unterliegt deshalb den Forderungen der Zubereitungsrichtlinie (ab 2015: GHS). Hersteller setzen diese Verpflichtungen um, die Einhaltung ist (relativ gesehen) leicht zu überwachen und Verstösse sind mit hohen Geldbussen belegt. Für die Anwendung von Produkten ergeben sich je nach Anwendungskonzentration, d.h. Grad der Verdünnung, unterschiedlich hohe Gefährdungen. Es ergeben sich also betriebs- und produktionsspezifische Einzelfallbetrachtungen. Für die Festlegung (d.h. oft Einschätzung) der Gefährdungshöhe stehen Verantwortliche in der Anwendung gerade. Und daraus ergibt sich das von Ihnen angefragte Problem: In Grossbetrieben sind geeignete Personen (z.B. Sicherheitsingenieure, Betriebsärzte, Meister) mit Fachkenntnis und zur Umsetzung vorhanden. Je kleiner die Betriebe sind, umso schwieriger wird es, Probleme zu erkennen und lösungsorientiert zu handeln. Auch die Überprüfung der Einhaltung von Vorschriften oder Regeln nach dem Stand der Technik wird mit abnehmender Betriebsgrösse schwieriger. Es ist kein Geheimnis, dass manche Betriebe über ein Jahrzehnt nicht mehr von Unfallversicherungsträgern oder Länderbehörden besucht wurden (und darüber keineswegs unglücklich sind). Eine Lösung für dieses Problem kann nur darin bestehen, über Risiken aufzuklären, betriebliche Funktionsträger (Vorgesetzte und Fachpersonal) über ihre Verantwortung zu informieren, geeignete Schutzmassnahmen in Form von Informationsschriften und Seminaren zu verpacken und vor allem für die Schaffung gesundheitsgerechter Arbeitsbedingungen zu motivieren. Noch ein spezieller Blick auf die Biozide: Die EU-Biozidrichtlinie hat bewirkt, dass Produkte in grösserem Ausmass als bisher geprüft und zugelassen werden müssen. Man hat dabei schon daran gedacht, dass der Anwender auch schon einmal sorgloser damit umgeht, als es notwendig wäre. Es muss also noch beim Anwender ankommen, dass Biozide gefährliche Produkte sind oder je nach Anwendungsfall sein können, dass die Gefahren von Verätzungen, Vergiftungen oder chronischen Hauterkrankungen bekannt sind. Das Regelwerk ist scharf genug, es muss nur vom Anwender ernst genommen und umgesetzt werden. Dabei helfen nicht nur Hersteller, sondern auch Unfallversicherungsträger und Behörden. • www.motorex.com
 


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